Der Beagle, ein ausdauernder Meutehund, Neues und Interessantes aus der Wissenschaft

Im Schweizer Hunde Magazin wurde eine Artikelserie begonnen, die sich mit verschiedenen rassetypischen Verhaltens- und Hormonproblemen bei Hunden beschäftigt. Die Verfasser sind Udo Ganslosser und Sophie Strodtbeck, zwei versierte Buchautoren.

Ich habe den Text teilweise gekürzt, das Wichtigste herausgestellt.

Der Teil 1 der Serie beginnt mit den Meutehunden, hier im Besonderen mit dem Beagle (Foxhound etc.)

Der Beagle wurde deswegen als charakteristischer Vertreter dieser Gruppe ausgewählt, weil er den Ruf, ein netter, kleiner, familienfreundlicher Familienhund zu sein, inne hat. Oft wird er daher unüberlegt gekauft, häufig kommt es zu Problemen in der Haltung.

Beschreibung der Rassegruppe
Meutehunde oder auch „Hounds“ genannt, wurden und werden auch heute noch in grösseren Gruppen gehalten, den sogenannten Meuten. Jagdlich sind sie selbstständig unterwegs, ohne direkten Kontakt zum Menschen. Als reine Nasenjäger, können sie stundenlang beharrlich und ausdauernd einer Fährte folgen.

Kooperation mit Mensch
Diese Beharrlichkeit und Ausdauer sind Eigenschaften die jagdlich gewollt waren und heute noch so sind.
Es fanden Vergleichsuntersuchungen statt, zwischen Hunden, die in ihrer Arbeit mit dem Menschen (Apportier- und Hütehunde) kooperieren und den Hunden, die unabhängig vom Menschen (Meutehunde, Herdenschutzhunde etc.) arbeiten.
Das Ergebnis war, dass bei den Meutehunden bei schwierigen bis unlösbaren Aufgaben viel seltener und viel später Hilfe beim Menschen gesucht wurde. Auch im Verständnis und im Befolgen von Hinweiszeichen des Menschen (Blickrichtung, Fingerzeig…) schnitten die „selbstständig“ arbeitenden Hunde schlechter ab.
In einer Budapester Vergleichsstudie, in der 96 verschiedene Rassen nach Persönlichkeitsachsen gelistet wurden erreichte der Beagle:

  • Platz 51 für Gelassenheit und emotionale Stabilität
  • Platz 55 für Trainierbarkeit und Offenheit für neue Erfahrungen
  • Platz 15 für Geselligkeit
  • Platz 46 für ExtrovertierheitEr liegt also bis auf die Geselligkeit im Mittelfeld

Fellfarbe
Es gibt einen Zusammenhang zwischen der Fellfarbe eines Hundes und seiner Persönlichkeit bzw. seinem Verhalten.
Die schwarze und dunkelbraune Variante des Pigments Melatonin ist mit einer stärkeren Aktivität des aktiven Stresssystems (Adrenalin, Noradrenalin, Dopamin) gekoppelt, welches auch Neugier, aktive Problemlösung und Offenheit für neue Erfahrungen steuert. Dagegen die rote Variante ist mit dem passiven Stresssystem (Cortisolsystem) gekoppelt, das eher Problemvermeidung, abwartenes, distanziertes Beobachten einer neuen unbekannten Situation, steuert.
Tricolor-Beagles, die mehr schwarze Anteile im Fell haben, sind insgesamt aktiver, neugieriger und damit auch anstrengender für die Halter. Bei anderen Hunderassen wurden hierzu bereits wissenschaftliche Untersuchungen durchgeführt, die diese Vermutung bestätigen.

Jagdverhalten (Jagdtrieb)
Das lange und selbstständige Verfolgen einer Fährte (beagle-typisches Arbeiten) ist ein weit verbreitetes Beaglehalter Problem.
Den „Jagdtrieb“ als solches gibt es nicht, da es sechs bis sieben Verhaltensweisen in der Jagdsequenz gibt. In welche Phase der Hund „einsteigt“ hat mit innerer Handlungsbereitschaft und „der“ auslösenden Situation zu tun.

Empfindlichkeit des Riechorgans
Die Zahl der Duftrezeptoren auf der Riechschleimhaut liegt beim Beagle bei 400 Millionen, beim Bloodhound ca. 550 Millionen. Im Vergleich dazu, hat der Deutsche Schäferhund 250 Millionen Rezeptoren. Um es sich besser vorzustellen, der Mensch hat 5 Millionen Riechzellen.

Ausdauer des Hundes
Die Ausdauer während der Suche hängt von chemischen, neurobiologischen Faktoren im Gehirn und Hormonsystems ab.
Tiere, die sich mit einer Aufgabe besonders ausdauernd beschäftigen, diese ohne „den Menschen“ lösen wollen, werden bei unlösbaren Aufgaben nicht so schnell aufgeben. Das birgt jedoch ein erhöhte Anfälligkeit für Stereotypien und Zwangshandlungen.
Der Körper reagiert folgendermaßen:
Der Hund verschafft sich durch rhythmisch wiederholte Handlungen einen sog. „Kick“ in Form einer Dopamin-Ausschüttung, die er bei erfolgreicher Bewältigung der Aufgabe durch das „Aha-Erlebnis“ bekommen hätte.
Es gibt also einen Zusammenhang zwischen der Ausdauer eines Tieres bei der Lösung eines Problems, dem Festhalten an bereits gelernten und erfolgreich angewendeten Lösungsstrategien und dem Auftreten von Stereotypien. Dies wurde an Zoo- und Labortieren untersucht.

Stereotypen
Stereotypen entstehen häufig bei Tieren, die in ihrer Jugend unter reizarmen Bedingungen aufgewachsen sind. Regionen im Grosshirn werden nicht ausreichend mit Dopamin-gesteuerten Fasern versorgt. Das Ergebnis ist Dopamin-Mangel in der späteren Entwicklung, das das Tier durch die rhythmisch wiederholten und selbstbelohnenden Bewegungen kompensiert.
Die sog. „Beagle-Sturheit, mögliche Defizite in der Aufzucht (z.B. Labor-Beagles), die Tendenz Probleme selbst ohne den Menschen lösen zu wollen, gehen hier eine problematische Verbindung ein.

Schmerzunempfindlichkeit
Beagles lassen sich auf der Jagd und auf der Fährte weder von Dornen noch anderen schmerzhaften Umweltreizen abhalten. Dies war ein wesentliches Selektionsmerkmal in der Zucht. Serotonin, Noradrenalin und Dopamin sind hier die verantwortlichen Botenstoffe. Die Schmerzweiterleitung wird in absteigender Wirkung, also vom Gehirn auf das Rückenmark übergreifend, gehemmt. Daher funktionieren Hunde, die durch die Jagd hochgepuscht sind auch bei längerer Schmerzbelastung trotzdem. Sie merken erst hinterher, wenn die Jagd vorüber ist, zur Ruhe kommen, dass sie Schmerzen haben (eingetretene Dornen).
In vielen Labor- und Felduntersuchungen wurde dies an verschiedensten Tierarten bereits untersucht und belegt.
Die motivationssteigernde und durch Lernprozesse selbstbelohnende Wirkung der Botenstoffe „Dopamin und des Noradrenalins“ macht „Hunde“ glücklich. Wer Beagles auf der Meutejagd einmal gesehen hat, wird dies bestätigen.

Verfressenheit
Das Leben in der Meute erfordert anderes Fressverhalten. Der Meutehund sollte wenig Futterneid zeigen, allerdings so schnell wie möglich viel in schneller Zeit in sich hineinfuttern, um verlorene Energie wieder zurückzuführen.
Für die Regulierung des Appetits und der Nahrungsaufnahme ist das Hormon Leptin zuständig. Es wird normalerweise aus gefüllten Fettzellen freigesetzt und tritt dann im Hirnstamm auf die „Essbremse“. Ist diese Leptinregulierung in seiner Empfindlichkeit verändert, erhöht sich die Anfälligkeit für Essstörungen und Fettleibigkeit.
Was in der Meute gut war, in kürzester Zeit verbrannte Energie (durch die Jagd) durch viel Fressen wieder zurückzugewinnen, führt also bei einem Hund im Familienstand zu Gewichtsproblemen und auch zu gesundheitlichen Störungen.

Gesundheitliche Probleme
Hammelrute / Wasserrute
Beagles, wie auch anderer Rassen mit schwerer Rute (Labrador) neigen zum sogenannten Hammelschwanz (Hammelrute, Wasserrute). Dabei handelt es sich wahrscheinlich um eine Durchblutungsstörung an der Schwanzwurzel, entstanden durch eine Gewebsentzündung. Dies führt dann zu einer schlaff gelähmten Rute. Dies zeigen Beagles häufig dann, wenn sie längere Zeit mit hoch erhobenem und wedelndem Schwanz einer Spur gefolgt sind oder sich anderweitig sehr angestrengt haben.

Schilddrüsenunterfunktion
Diese rassetypische Disposition ist beim Beagle bekannt. Sie entsteht durch Mangel des Schilddrüsenhormons Thyroxin. Dadurch verändert sich der Stoffwechsel der Botenstoffe Serotonin und Dopamin. Diese beiden Hormone wirken sich in vielfältiger Weise aber wieder auf das Verhalten aus. Zeigen sich also Verhaltensäußerungen wie Launenhaftigkeit, Zurückgezogenheit, Futterneid oder auch Aggression gegen Menschen und Artgenossen, könnte eine Schilddrüsenfunktion die Ursache sein.
(Anmerkung: Hier den Tierarzt konsultieren, Blutbild machen lassen. Schilddrüssenunterfunktion wird medikamentös behandelt.)

Anspruchsloser Familienhund?
Es könnte daher durchaus möglich sein, dass die Disposition zur Schilddrüssenunterfunktion auch einer der Ursachen sein könnte, warum in der amerikanischen Beißstatistik des Hundeforschers James Serpell, der Beagle an mehreren Stellen vordere Plätze belegt. Bei uns ist er ein gelassener, fröhlicher Familienhund (wobei ich in letzter Zeit des öfteren von Beagles höre, die plötzlich Aggressionen zeigen).
In einer umfangreichen Befragung von tausenden von Hundebesitzern zeigt sich, dass der Beagle in den USA Platz 5 der Statistik belegt bei ANGRIFFEN AUF FREMDE und Platz 1 bei ANGRIFFEN AUF EIGENEN BESITZER !!!!!!!!!!!!
Man weiß nun nicht, ob es an den unentdeckten Schilddrüsenpatienten liegt oder an den Hundehaltungspraktiken in USA.  In den USA werden Hunde oftmals viel zu wenig beschäftigt, Freilauf ist selten möglich. Auch so ein Hund muss natürlich seinen Frust irgendwo loswerden.

Beagle als Laborhund?
Beagles sind weltweit die Laborhunde schlechthin. Ihre Verfressenheit macht es möglich, auch ohne Fastenperioden jederzeit mit Futterbelohnungen Lernversuche und Verhaltenstests durchzuführen. Sie sind fröhlich, freundlich, selten nachtragend. Sie begrüssen trotz der anstehenden Versuche den Menschen noch freudig. Sie lassen sich problemlos in Gruppen halten.

Noch gut zu wissen:
Nach Abschluss der Versuchsreihen werden die Beagles an Privathalter abgegeben. Oft sind die Hunde noch recht jung und können durchaus noch 10 Jahre oder mehr in einer Familie leben. Wer sich so einen Hund zulegen möchte, wende sich an http://www.laborbeaglehilfe.de .
Wie in dem Artikel gesehen, ist stets zu bedenken, dass Hunde aus Labors, unter Umständen eine erfahrungsarme Aufzucht hatten, somit Stereotypien und Bewegungsauffälligkeiten durchaus vorkommen können. Daher ist eine beaglegerechte Auslastung zu verschaffen. Zielobjektsuche, Mantrailing, Schleppfährten oder ähnliches können den Beagle mit seiner Nase und mit Köpfchen beschäftigen.

Ausschnitte aus dem Artikel: Christiane Ostermeier Mai 2015

Hier gehts zum gesamten Artikel: BeagleMeutehund_Verhalten

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Über christianeostermeier

Meine Philosophie ist: Hunde brauchen passende Hunde, damit sie sich glücklich und zufrieden fühlen. Hunde wollen wie Hunde behandelt werden. Hunde untereinander brauchen keine Leine, sagen nicht "Sitz, Platz, Fuß" zueinander. Sie sind an einer sehr guten Gemeinschaft interessiert.
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